Das „Problem“ Prokrastination

Mann schaut auf eine Pinnwand voller verschiedener Zettel

Ich prokrastiniere und habe kein Problem damit!

Was? Echt, kein Problem!? Wieso denn nicht? Wo doch alle Prokrastination immer ganz furchtbar finden. Und immer mitleidig dreinschauen, weil man seinen Kram nicht zügig erledigen kann. Und einen mehr oder weniger offen als faul kritisieren oder zumindest als entsetzlich schlecht organisiert (sogar in offiziellen Definitionen schwingt immer ein leichter Vorwurf von „Kein Bock“ oder „Arbeitsverweigerung“ mit – zum Beispiel hier). Eigentlich müsste ich mich doch in die Ecke stellen und mich schämen, dass ich das „Problem“ Prokrastination nicht in den Griff kriege.

Also, warum habe ich kein Problem damit?

Weil ich das „Problem“ Prokrastination nicht als Problem sehe, sondern eine Art, meine Arbeit und Aufgaben zu erledigen. Denn – und da liegt ein großes Missverständnis – Prokrastination ist bedeutet nicht zu Scheitern. Ja, sie bedeutet noch nicht einmal Unpünktlichkeit. Es klingt schockierend, aber ich erledige meine Dinge pünktlich im vorgegebenen Zeitrahmen und – zumindest wurde es mir bisher meist so zurück gespiegelt – in guter oder sehr guter Qualität. Ich fange bloß oft spät damit an und werde auf den letzten Drücker fertig. Aber das bedeutet nicht, dass ich in der Zwischenzeit faul rumliege und Löcher in die Luft starre.

Kreative Prokrastination – ein Beispiel

In der Regel habe ich für die Vorbereitung eines Workshops etwas Zeit, einige Wochen, manchmal ein paar Monate. Aber es gibt ein festes Datum, an dem er fertig sein muss. Ich beginne meistens mit etwas Recherche. Ich lese mich ein wenig in das Thema ein. Und dann mache ich oft eine ganze Zeit erstmal nichts. Halt, das stimmt so nicht. Ich lasse die Inhalte in meinem Kopf ein bisschen reifen. Gelegentlich kommen mir ein paar nützliche Gedanken. Eventuell mache ich mir ein paar Notizen. Oder recherchiere noch etwas spezieller weiter. Manchmal schreibe ich schon ein grobes Konzept. Aber die Hauptarbeit erledige ich in der Regel in den Tagen kurz vor der Workshop-Deadline. Und das funktioniert für mich sehr gut. Die nahende Deadline verhilft mir zu mehr Kreativität. Sie lässt mich oft erstaunliche Ideen und Lösungen finden. Und am Ende kommt ein gutes Ergebnis dabei heraus. Und – seien wir mal ehrlich – nur weil etwas schon drei Monate vor der Deadline fertig ist, sagt das noch gar nichts über die inhaltliche Qualität des Ergebnisses aus, oder?

Wirklich, gar kein Problem?

Sicherlich kann Prokrastination trotzdem ein Problem sein: Man muss gut einschätzen, wie viel Zeit man für die Erledigung schlussendlich braucht, um am Ende auch genug Zeit zu haben. Und natürlich dafür sorgen, dass einem in dieser letzten Zeit vor einer Deadline, die benötigte Zeit dann auch zum Arbeiten zur Verfügung steht. Ein wenig Planung gehört also immer dazu. Unvorhergesehene Ereignisse können sonst Schlimmes anrichten. Etwas Pufferzeit einzuplanen schadet also grundsätzlich ebenfalls nicht. Auch kann diese Art zu arbeiten natürlich enorm stressig sein, sowohl positiv als auch negativ. Da hilft es, die Auswirkungen bei sich zu beobachten und daraus zu lernen. Bei mir löst es eher positiven Stress und oft sogar eine Art „Flow“-Gefühl aus. Es ist meine Art zu Arbeiten. (Mir ist bewusst, dass Prokrastination durchaus auch bedenkliche Züge annehmen kann. Dies ist jedoch hier nicht mein Thema.)

Ich bin Alex und ich prokrastiniere!

Vielleicht hast du dich und deine Art zu arbeiten in diesem Text wiedergefunden. Dann hoffe ich, dass du – falls du bisher immer eher ein schlechtes Gewissen hattest, wenn etwas auf den letzten Drücker fertig wurde – nun ein wenig positiver auf das Thema schauen kannst. Du bist nicht allein. Wir sind viele und rocken unsere Aufgaben genauso gut, wie die „Streber“, die schon Wochen vorher fertig sind! So arbeiten wir und dazu sollten wir auch stehen. Deshalb: Ich bin Alex und ich prokrastiniere!

(Und wenn du einer von den „Strebern“ bist und kopfschüttelnd bis hierher gelesen hast, dann verstehst du uns vielleicht nun ein wenig besser. 😉)

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